Donnerstag, 01.09.2005
 

Steuermann und Kapitän

Einfach nur genießen. (Fotos: Ron Franke)

HOL ÜBER / Mit der "Quertreiber" über die Lippe. Dafür braucht es etwas Mut und ein paar Muckis. Aber keinen Motor.

Die Lippe ist kein Trennungsgrund mehr. Das andere Ufer ist zwischen Aaper Busch und Friedrichsfeld neuerdings nicht mehr nur in Sicht, sondern auch per Fähre erreichbar. Wesel und Voerde rücken näher zusammen. Das freut vor allem die Radfahrer. Statt einen Riesen-Schlenker über die viel befahrene Bundesstraße zu machen, können sie nun schnurstracks übers Wasser schippern. Auf ungewöhnliche Art: Eine Flussquerung für Abenteuerlustige - auf einem Boot ohne Kapitän."Quertreiber" heißt das knallgelbe Gefährt, das so eine Art Selbstbedienungsboot ist. Keine geregelten Abfahrtzeiten, kein Steuermann, kein Fahrschein nötig. Wer auf die andere Lippe-Seite möchte, zieht sich auf der "Gierseilfähre" hinüber. Das ist zwar nicht ganz so einfach, wie es auf den ersten Blick aussieht. Aber es macht Familie Ridder aus Friedrichsfeld ganz offensichtlich richtig viel Spaß. Zum x-ten Mal an diesem Tag setzen die Vier über.Die Schwimmflügel für Lia und Noémi hält Oma Wilma in der Hand. Anlegen brauchen die Mädchen die aufblasbaren Lebensretter nun doch nicht. Denn die "Quertreiber" gleitet sanfter über das Wasser als sie vorher dachten. Und mit ein bisschen Übung und vereinten Kräften haben Großeltern und Enkelinnen es hinbekommen, dass das Boot am Stahlseil den kürzesten Weg nimmt und nicht herumschlingert - wie bei uns.

Mit Schmackes und Gefühl "Das Ruder nach vorne drehen", ruft ein freundlicher Helfer am Ufer, als die "Quertreiber" ihrem Namen alle Ehre macht und sich störrisch seitwärts stellt. Also, nochmal langsam von vorne. Erstmal in Ruhe die auf dem Schiff angeschlagene, höchst amtliche und wortreiche "Bedienungsvorschrift für die Gierseilfähre" durchlesen.

Mindestens zwei Personen erforderlich. Passt. Auf Bootsverkehr ist zu achten! Kein weiteres Schiff in Sicht. Die Fähre ist mittels der Kette ans Ufer zu ziehen.

Haben wir getan - und den zweiten Teil der Anweisung erst zu spät gelesen: Achtung, die Ketten sind konstruktionsbedingt verschmutzt!Stimmt. Weiße T-Shirts nachher auch. Egal. Weiter im Text. Achtung! Die Fährtore schließen selbsttätig. Alles klar. Das Ruder ist mit der Hand in die gewünschte Zielrichtung zu drehen. Jetzt klappt´s. Schiff ahoi. Die "Quertreiber" macht sich gerade - und lässt sich mit wenig Muskelkraft die vierzig Meter bis ans Ufer ziehen.Letzter Punkt der Anweisung: Die Anlage und die Einrichtungen sind pfleglich zu behandeln. Das funktioniert nicht ganz. Seit der Jungfernfahrt der "Quertreiber" im Frühjahr gab es immer wieder Probleme an der hauptsächlich durch Sponsoren der Region finanzierten Einrichtung. Zum Beispiel mit Menschen, die sich einen Spaß daraus gemacht haben, die Fähre am Ufer festzuketten. Das ist dumm für die, die auf der anderen Seite stehen und das Boot nicht zu sich herüber ziehen können.

Abenteuer an der Kette Damit das nicht mehr passiert, hat die Stadt Wesel zwei Ein-Euro-Jobber mit ins Boot genommen, die regelmäßig an der Anlegestelle vorbeischauen und nach dem Rechten sehen. Sie helfen auch weiter, wenn Passagiere die "Quertreiber" nicht richtig im Griff haben.

Obwohl: Für viele ist das "selber ausprobieren" gerade der Reiz an der Sache. Die abenteuerliche Lippe-Überquerung ist zum Familienspaß geworden. Ausflugsziel Quertreiber: Einige hundert Menschen, sagt Gottfried Brandenburg von der Stadt Wesel, nutzen die Fähre bei gutem Wetter. Manche kommen auch einfach nur so - um zu gucken, wie sich die anderen abmühen.

Dass die "Quertreiber" Fähre genannt wird, ist übrigens nicht so ganz korrekt. Die Bezirksregierung hat das Gefährt nicht als Fähre genehmigt, da ein Steuermann fehlt und auch kein Geld für die Überfahrt gezahlt wird. Da das Ding aber trotzdem schwimmen kann, heißt es nun offiziell "Anlage im Wasser".

Mit dem Auto ist die Anlagestelle der "Quertreiber" nur über die RWE-Straße in Wesel zu erreichen. Eine weitere ganz kleine, muskelbetriebene "Selbstbedienungsfähre" am Niederrhein gibt es an der Niers, im Kreis Kleve - vor dem Ausflugslokal "Jan an de Fähr" in Weeze-Hoest.


01.09.2005     JULIA MÜLLER

Zeitungsverlag Niederrhein GmbH & Co. Essen Kommanditgesellschaft